Gesunder Boden stabilisiert Erträge
Im Nordostzipfel Mecklenburg-Vorpommerns wirtschaftet ein Agrarbetrieb unter schwierigen Bedingungen. Er trotzt ihnen mit Streifen-/ Direktsaat, Zwischenfruchtanbau und breiter Fruchtfolge. Von manchen Dingen, mit denen sich Christian Hinz ständig auseinandersetzen muss, haben die meisten von uns bislang nur gehört. Oder nicht mal das. Wussten Sie zum Beispiel, dass es Ackerböden mit 9 Bodenpunkten gibt? Und dass man darauf wirtschaftlichen Kulturpflanzenanbau praktizieren kann? Aber dazu später mehr.
Überall Regen, nur nicht hier
Christian Hinz steht vor dem Verwaltungsgebäude der Gut Klein Bünzow GmbH & Co KG. Es ist ein stürmischer Tag Anfang Mai, landesweit sind Regen bis Starkregen vorhergesagt. Christian Hinz sieht zum Himmel, aus dem es leise tröpfelt: „Wenn das mal nicht schon alles an Regen ist, was hier ankommt.“ Brauchen könnten sie ihn schon auf den rund 2.000 ha landwirtschaftlicher Nutzfläche, die der Agrarbetrieb im Landkreis Vorpommern Greifswald bewirtschaftet. Die Zuckerrübenaussaat ist seit Karfreitag beendet, die jungen Rüben und auch alle anderen Bestände warten dringend auf Wasser. Aber der Großteil der nur 500 bis 550 mm Niederschlag, die hier im Jahr fallen, kommt leider meist zu unpraktischen Zeiten. Christian Hinz, der seit mittlerweile 13 Jahren hier arbeitet, kennt das schon.
Gut Klein Bünzow liegt im Nordostzipfel der Republik, vielleicht 20 km vom Stettiner Haff und 30 von Greifswald und der Ostseeküste entfernt. Der Marktfruchtbetrieb war früher LPG, nach dem Mauerfall zunächst Agrargenossenschaft und wurde 2012 privatisiert. Eine Unternehmerfamilie aus dem Sauerland erwarb den Agrarbetrieb: „Das war ein Glücksfall! Das Interesse an innovativer Landwirtschaft ist bei den Inhabern sehr ausgeprägt. Alle unsere Ideen werden interessiert aufgenommen. So interessiert, dass der jüngste Spross der Familie sogar kürzlich ein Landwirtschaftsstudium in Göttingen begonnen hat.“ Gleichzeitig, und das komplettiert den Glücksfall, lässt man Christian Hinz und seinen Kollegen bei ihren Ideen ziemlich freie Hand.
Kein „Weiter-so“ auf diesen Flächen
Christian Hinz, aufgewachsen als „Stadtkind in Neubrandenburg“, wie er sagt, ist über Umwege zur Landwirtschaft gekommen. Für die Ausbildung zum Landwirt mit Fachhochschulreife hat er sein Abitur abgebrochen, erzählt er lächelnd: „Das Thema hat mich so gepackt, dass ich ein Studium an der FH Neubrandenburg angeschlossen habe. Nach fünf Jahren als Versuchstechniker bin ich schließlich hierhergekommen. Da war der Verkauf gerade abgeschlossen. Ich startete als Pflanzenbauleiter und wurde nach dem geplanten Generationswechsel dann Geschäftsführer.“
So trafen frische Ideen auf die Offenheit der neuen Besitzer und deren Interesse an einer nachhaltigen, verantwortungsvollen, konventionellen Produktion. Zum Vorteil der Fläche, denn ein „Weiter-so“ wäre auf einigen Teilen davon schlicht unwirtschaftlich gewesen, das wurde Christian Hinz schon nach der ersten Ernte klar.
Zwar klingt die Struktur des Betriebes erst einmal attraktiv: Die gesamte Ackerfläche liegt komplett arrondiert um den Betriebshof im kleinen Ort Groß Jasedow. Und mit zehn Mitarbeitern inklusive drei Auszubildenden ist auch die Mitarbeiterstruktur erfreulich.
Aber die geringen Niederschläge wurden bereits erwähnt – und sie fallen auf den ebenfalls eingangs erwähnten teils abenteuerlich schlechten Boden: Der Schlag mit der geringsten Bodenwertzahl bringt es tatsächlich auf 9, der Durchschnitt liegt aber bei etwa 35.
Gleich seine erste Herbstaussaat veranlasste Christian Hinz also, über die Bodenbearbeitung bzw. die Bewirtschaftungsintensität nachzudenken: „Als ich hier anfing, wurde jeder Quadratmeter gepflügt. Dann haben wir eines Tages fast unverrottetes Rapsstroh nach drei Jahren im Boden nach oben geholt. In diesem Moment wurde mir klar, dass hier was grundsätzlich schiefläuft. Der Boden war praktisch tot. In der Folge hatten wir – natürlich – ein schlechtes Wasserhaltevermögen, kaum verfügbare Nährstoffe und stark schwankende Erträge.“
Gleich in diesem ersten Jahr konnte er den damaligen Geschäftsführer überzeugen, auf einer Teilfläche nach Raps den Grubber auszuprobieren. Später steigerte es sich zum Glücksaatraps mit der Duodrill am Horsch Tiger. „Der Raps sah grausam aus, hat aber super gedroschen.“
Ich bin überzeugt von dem System
Ob es nun daran lag, dass für den damals 27-Jährigen der Satz „das haben wir immer schon so gemacht“ keine Bedeutung hatte – oder daran, dass er sich von der innovativen Eigentümerfamilie unterstützt und bestätigt fühlte – Christian Hinz begann zum Thema Strip-Till zu recherchieren. In einer Bachelorarbeit stieß er auf eine Maschine des kleinen polnischen Herstellers Czajkowski. Ihm gefiel, dass deren Reihenbreiten verstellbar waren und eine beliebige Saateinrichtung hinten angebaut werden konnte. Er stellte seine Idee dem Eigentümer vor, der fand sie spannend und ließ ihm freie Hand. „Und so habe ich einen polnischen Lohnunternehmer für ein paar Hektar zur Demonstration herbestellt. Daraus wurden 400 Hektar, im zweiten Jahr 1.000. Dann haben wir die Maschine gekauft.“
Seit drei Jahren werden nun alle Reihenkulturen mit dem Abstand von 45 cm damit in den Boden gebracht. Und Christian Hinz ist nach wie vor sehr angetan von der Scharform, die keine Bodendurchmischung hervorruft, vom Zweikammerbehälter obendrauf und der versetzten Reifenelemente, die verstopfungfrei arbeiten.
So begann das Kapitel Minimalbodenbearbeitung und Strip-Till auf Gut Klein Bünzow. Das System ließ sich gut etablieren, erzählt Christian Hinz weiter, sagt aber auch: „Es funktioniert natürlich nur über sehr weite Fruchtfolgen mit vielen verschiedenen Kulturen.“ Seine Kollegen und er haben viel versucht und auch öfter daneben gelegen: „Man macht einfach Fehler am Anfang, niemand kann einem das System, was auf die eigene Fläche passt, vorher ansagen.“
Welche Schlussfolgerungen hat er denn ziehen können aus den ersten Jahren? „Wir haben sehr schnell festgestellt, dass das Ertragsniveau ‚glatter‘ wird, die Schwankungen, vor allem die nach unten, bleiben aus. Zudem beobachten wir eine unglaubliche Umstellung in der Sommer-Arbeitsspitze. Das Weglassen von Bodenbearbeitung verschafft einen geregelten Herbst und gibt uns sogar die Möglichkeit, die Nachbarn personell zu unterstützen.“ Dank der tragfähigen Böden können sie organische Düngung einbauen, wenn andere es nicht können. Das ist wichtig für den Betrieb, der weder Tiere noch eine eigene Biogasanlage hat: „Wir können unseren Nachbarn im Frühjahr Gülle abnehmen, wenn deren Lager voll sind und kaum jemand außer uns auf seine Flächen kann...“
So wenig Pflanzenschutz wie möglich
Und noch etwas konstatiert er: „Der Boden ist schön aktiv und gesund, was unserer Bestrebung, so wenig wie möglich chemischen Pflanzenschutz und Düngung anzuwenden, sehr entgegenkommt.“ Das ist neben der bodenschonenden Wirtschaftsweise die nächste Prämisse des Betriebes. Das liegt ein bisschen auch daran, dass 95 % der Betriebsfläche bis vor Kurzem als rotes Gebiet ausgewiesen waren. Es entspricht aber auch der tiefen Überzeugung von Christian Hinz, in der er sich mit der Eigentümerfamilie einig ist.
Über alle Kulturen hinweg versucht wird versucht, die Anwendung von chemischem Pflanzenschutz auf ein Minimum zu beschränken. Trotzdem sagt er ganz klar, „Ich bin überzeugt, dass wir Pflanzenschutz brauchen. Ich bin nicht glücklich darüber, dass wir am Roundup nicht vorbeikommen, aber wir brauchen es für unser System einmal im Jahr auf jeder Fläche. Keine Zwischenfrucht friert in einem durchschnittlichen Winter hier sicher ab.“ Geht Glyphosat verloren, schließt der Geschäftsführer, dann „wird es schwer ohne Bodenbearbeitung auf dem Feld. Da bin ich ganz pragmatisch. Wir suchen aber trotzdem akribisch weiter nach einer Lösung für das Problem.“
Keine festen Fruchtfolgen
Eine feste Fruchtfolge gibt es in Klein Bünzow nicht. Etwa 1.300 ha sind den Druschfrüchten vorbehalten. Abgesehen vom Roggen, der als Ganzpflanze für eine benachbarte Biogasanlage geerntet wird, wird das Getreide komplett als Vermehrung angebaut: Weizen, Gerste und Hybridroggen. Raps geht an eine Ölmühle im Bundesland.
Der Wechsel zwischen Blatt- und Halmfrucht, Winter- und Sommerkultur und wo immer möglich Zwischenfruchtanbau ist Gesetz. Da Christian Hinz mit Zwischenfruchtmischungen öfter nicht zufrieden war, geht die Tendenz in letzter Zeit wieder hin zu reinen Zwischenfrüchten. Oder einer eigenen Kreation: „Voriges Jahr haben wir uns mit der Saaten Union den „Jasedower Bodenbrecher“ zusammengestellt, da sind Hanf, Rettich, Phacelia, Kresse und Färberdistel drin. Der macht eine fantastische Bodenbearbeitung!“
Nicht nur bei den Zwischenfrüchten, auch beim Ausprobieren neuer Kulturen beweist der heute 40-Jährige Neugier und Mut. Immer wieder schaut er nach neuen Ideen. „Man muss ja weiterdenken. Wir haben Faserhanf ausprobiert, das ist eine tolle Kultur, leider sind wir an der Ernte gescheitert. Nach der Färberdistel eines benachbarten Züchters haben wir dieses Jahr auf einer kleinen Ecke den Iberischen Drachenkopf als Ölpflanze angebaut. Den habe ich bei der Ceravis AG gesehen und fand ihn interessant.“
Wir machen das so, wie es passt
An einem Zuckerrübenschlag, wo vier Wochen zuvor die letzten der 360 ha Zuckerrüben des Betriebes in die Erde kamen, erklärt Christian Hinz sein Konzept für diese Kultur: „Nach den von unserer Zuckerrübenfabrik in Anklam vorgegebenen Lieferterminen wähle ich die Sorten aus. Weil wir in dieser Region immer eher geringere Zuckergehalte ernten, versuche ich zuckerbetonte Sorten zu wählen.“ Den Grund für diese Beobachtung kennt er nicht, vermutet aber fehlende Wärme. Inzwischen wird auch Cercospora in der Region ein größeres Thema, erklärt er weiter, deswegen achte man verstärkt auf gesunde Sorten: „Da macht die Züchtung große Fortschritte und das versuchen wir zu nutzen.“
Sind die Sorten, auf 45 cm mit der Kuhn-Einzelkornmaschine an der Czajkowski ST gesät, im Boden, folgt meistens ein Hack-Gang kurz vor Reihenschluss. Früher, erklärt Landwirt Hinz, lässt die Organik an der Oberfläche das oft nicht zu. Auch mit dem Striegel oder der Rollhacke probieren sie sich in den Beständen aus.
Getreu dem Motto, die Pflanzenschutzausbringung auf ein Mindestmaß zu beschränken, versucht er, moderne Technik dabei bestmöglich zu nutzen. „Gerade haben wir einen Versuch laufen, da erstellen wir mit einem Drohnenüberflug eine Karte und beschränken uns mittels Spot Spraying dann auf die Unkrautnester. Gegen Disteln in Zuckerrüben haben wir damit 70 % Mitteleinsparung erreicht!“ Dazu verwendet er keine Spezialtechnik, sondern eine herkömmliche moderne Spritze.
Parallel suchen sie auch nach weiteren Anwendungsmöglichkeiten – aber ohne sich dabei kompromisslos zu verrennen. Christian Hinz fasst es so zusammen: „Landwirtschaft ist halt nicht planbar und noch viel weniger in einem so neuen System!“
Betriebsspiegel:
Gut Klein Bünzow GmbH & Co. KG im Landkreis Vorpommern Greifswald, 2000 ha AF, breite Fruchtfolge mit ständigem Wechsel zwischen Blatt- und Halm sowie Winter- und Sommerfrucht und maximalem Zwischenfruchtanbau (1.300 ha Druschfrüchte, 360 ha ZR, Raps, Mais, GPS-Roggen). Ackerzahlen zwischen 9 und 45, Durchschnitt 35. 500 bis 550 mm Niederschlag mit ungünstiger Verteilung. 95 % der Betriebsfläche bis vor Kurzem im roten Gebiet